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Archiv der Kategorie Musik

SHMF 2011

Auch in dieser Saison besuchte ich alle Rendsburger Konzerte bisher. Dazu kamen noch zwei Konzerte in Kiel und eine Veranstaltung im Schleswiger Dom.

 K 19, 17. Juli in der Christkirche

Haydns “Jahreszeiten” wurden sehr ordentlich und schwungvoll musiziert. Der Bewertung von Herrn Blunck, das seien die besten Jahreszeiten, die wir bisher in Rendsburg gehört hätten, kann ich mich allerdings nicht anschließen. Ich erinnere mich an eine Aufführung des Oratoriums vor wenigen Jahren unter Enoch zu Guttenberg, ebenso in der Christkirche, die doch noch ein wenig besser war.
Als Dirigent hatte Paul McCreesh den Mut zum klaren Fortissimo oder auch mal schwungvollerem Tempo. Das tat dem Werk, welches den Kreis des Lebens beschreibt, sehr gut.

K 61, 4. August im Kieler Schloß

Dieses Konzert hat zwei Seiten. Zum einen musizierte das Venice Baroque Orchestra unter Andrea Marcon sehr natürlich, sauber und lebhaft. Auf der anderen Seite steht der Mezzo Magdalena Kozena, deren Gesang mich in dem Abend nicht für sie einnahm. Ihre Aussprache war undeutlich. Allerdings steigerte sie sich bis zum Ende des Abends, als Zugabe gab es ein zauberhaftes Lascia ch’io pianga” aus Händels Rinaldo.Vielleicht war sie mit dem Text vertrauter?

K 66, 6. August im Schleswiger Dom

Bei der Vorbereitung der Anreise mußte ich feststellen, daß die Busanbindung zwischen Bahnhof und Dom in Schleswig sehr schlecht ist. Der Fahrplan des ÖPNV scheint noch mieser als in Rendsburg zu sein. Die Mitnahme des Fahrrades kostet im Zug 3,50 € (Tageskarte). Ich entschloß mich, bis OPwschlag mit dem Rad und von dort aus mit der Bahn zu fahren. Auch auf dem Rückweg stieg ich schon in Owschlag aus. Mir fiel erstmals auf, wie schlecht die Radverkehrsführung in Schleswig ist. Zum Teil sollte ich von einem Radstreifen im spitzen Winkel auf einen Hochbordradweg wechseln. Das Sturzrisiko macht diesen Wechsel im Sinne der Rechtsprtechung “unzumutbar”, daher blieb ich auf der Fahrbahn, zum Unwillen von wenigen, besonders von Automobilisten mit RD-Kennzeichen. Auf dem Rückweg zum Dom schaffte ich auf diese Weise ein Wahnsinnstempo von über 30 km/h, welches den Schnitt auf annähernd 20 km/h anhob.
Klare Aussprache, eine wunderschöne Stimme, das war in Schleswig zu hören. Nuria Rial war als Sopranistin die Solistin des Abends. Sie trat nicht aufgetakelt als Primadonna, sondern völlig natürlich als junge Frau mit Liebe zur Musik auf. Begleitet wurde sie vom Elbipolis Orchester Hamburg. Für mich waren insbesondere die Werke Vivaldis eine Entdeckung. Tolle Musik, der dort Leben eingehaucht wurde. Höhepunkt des Abends war aber ein Werk Telemanns; die Arie der Agrippina “Komm, o Schlaf” aus der Oper Germanicus. Diese Arie wurde als Zugabe wiederholt. Ich gucke mich schon um, welche schönen Aufnahmen mit Nuria Rial auf dem CD-Markt gibt.

K 82, 11. August in der Christkirche

Chanticleer, ein A Capella-Ensemble stand auf dem Spielplan. Eigentlich bin ich ja eher ein Freund großer Orchesterbesetzungen, daher war es eher der Tatsache geschuldet, daß ich grundsätzlich alle Rendsburger Konzerte im Rahmen des SHMF besuche, geschuldet, daß ich mir eine Karte bestellt hatte. Das Lob für die Stimmen der Zwölf in der Lokalpresse war nicht übertrieben. Es stand kein starrer Chor auf der Bühne, sondern die Werke wurden fast inszeniert. Mir persönlich gefiel besonders der erste Teil des Abends mit den Renaissance-Werken und den Drei Männerchören des großen Richard Strauss. Bis auf John Taverners A Village Wedding war für mich nach der Pause kein interessantes Werk mehr dabei. Ich bin nun einmal bekennender Gegner des Crossover.

K 84, 12. August im Kieler Schloß

Italienisches und Französisches aus meinem Lieblingsmusikfeld, der Oper des 19. Jahrhunderts stand auf dem Programm dieses Konzertes. Es begann mit Rossinis Sinfonia zur Oper Il Turco in Italia. Diese interpretierte die NDR Radiophilharmonie unter Lukas Borowiczsehr analytisch, aber mit Mut zum Fortissimo. Schlagwerk und Bläser schlugen sich überragend. Leider war eine der Solistinnen, nämlich der Mezzo Zoryana Kushpler erkältet. Daher mußte eine Nummer entfallen. Dennoch war ihre Stimme die Beste an diesem Abend. Das Italienisch der Pretty Yendewar offensichtlich nicht gut, ihr Französisch war ein wenig sauberer. Ihre Stimme war nicht mein Fall. Bei Kartal Karagedik klang vieles für mich schlecht, stümperhaft. Die Kritik der Journaille, sein “Voilà donc la terrible cité” sei im Orchesterschwall untergegangen, kann ich nicht teilen. Das Orchester war zwischen dem Solisten und meinem Sitzplatz positioniert. Es ist die Klangfülle des französischen Orchesters des 19. Jahrhunderts, welche dem anscheinend eher der Wiener Klassik zugeneigten Kritiker unbekannt scheint. Lieber Kritiker auf shz.de, bei Massenet lebt die Grande Operá eines Meyerbeers weiter! Meyerbeers Prélude zur Großen Oper “L’Africaine” war auch eindeutig der Höhepunkt des Abends. Das Solo der Oboe wurde wunderbar feinfühlig interpretiert. Dem Kritiker des Schleswig-Holsteinischen Zeitungsverlages muß ich zustimmen, daß der Danse Bacchanale etwas zu feurig begann, so daß kaum eine Steigerung möglich war. Die Arie der Dalilah wurde fein säuberlich und mit dem notwendigen exotischen Unterton interpretiert, von einer überragenden  Zoryana Kushpler dargebracht. Bizet fand ich schon immer eher langweilig, völlig unfranzösisch. Leo Delibes Lakmé war dann wieder ein ordentliches Kaliber französischer Opernkunst. Die Zugabe bewerte ich lieber nicht, außer daß ich betone, daß sie inhaltlich nicht zum Programm paßte. Es war der elende, überbewertete Mozart.

[SHMF 2010] K 90 “Prachtvoll” - Ein wahrhaft prachtvolles Konzert

Ja, auch ich war am Mittwoch in der Christkirche. Natürlich saßen ich und meine Begleiter auf den “billigen Plätzen”, die sich zu Stammplätzen entwickeln, weil dort die Sicht sehr gut ist, besser als auf manch teurerem Platz. Auf der Eintrittskarte steht “sichtbehindert”.

Für Sir John Eliot Gardiner fuhr ich letztes Jahr eigens nach Lübeck und nahm eine abenteuerliche Rückreise mit dem Zug auf mich. In der MuK durfte ich damals Händels Israel in Egypt erleben. Und nun kam der Meister, dessen Berlioz-Aufnahmen in meinem Regal stehen, nach Rendsburg. Seit ich Robert Kings Rekonstruktion der Krönungsfeierlichkeiten für George II. in der Christkirche und dann 2006 im Großen Musikvereinssaal Harnoncourt mit einem Bach-Programm erleben durfte, bin ich dem Barock nicht mehr abgeneigt. - Oder genauer: Barockmusik eröffnet sich mir immer mehr.

Aus kulturfaschistischer Sicht gab es eine unschöne und unnötige Unterbrechung, als auf der Empore jemand von Sanitätern versorgt werden mußte. Man sollte die Leute einfach liegen lassen oder mit einem Kissen auf das Gesicht ruhigstellen, bis das Werk aufgeführt ist. [Tiefschwarzer Humor oder kulturfaschistischer Ernst?]
Unerhört viele Konzertbesucher waren dieses mal auch wieder dabei. Leider waren dieses Mal keine Hustenbonbons als Wurfgeschosse audsgegeben worden. Aber es wurde zumindest brav an den nach teutonischer Art richtigen Stellen applaudiert. Die angespannten Blicke im Publikum können wohl als Beleg der Verdummung unserer Gesellschaft betrachtet werden. Solche Musik hörte man früher zum Essen, heute muß der durchschnittliche Konzertbnesucher derart konzentriert zuhören. Echte Musikliebhaber wagen übrigens auch mal ein Wippen oder Wanken.

Daß die English Baroque Soloists sauber und kompetent musizieren, ist bekannt. Das Programm war ausgewogen zusammengestellt. Lenneke Ruiten sieht nicht nur gut aus, sie singt auch hervorragend. Alles in allem Musik auf Weltklasseniveau. Auch mit kleiner Besetzung kann Musik prachtvoll erklingen. Mir hat der Abend sehr gut gefallen. Mehr brauche ich nicht schreiben.

[SHMF 2010] K 54 “Romantische Bekenntnisse” - Lebendige Interpretation

Am gestrigen Samstag hatte ich dank Schleswig-Holstein-Musikfestival wieder die Gelegenheit, gute Musik auf hohem Niveau interpretiert zu erleben. Ein Desaster war das Treffen mit meinen Begleitern in der Hauptwache vor dem Konzert. Wir bestellten um kurz nach 18:30 dort unsere Speisen, als einziger erhielt ich meine Pizza picante ca. 19:10, die anderen Vier wurden erst ca. 19:35 bedient. Offensichtlich war die Hauptwache nicht auf den Ansturm vieler Gäste eingestellt.  S0 kamen wir recht spät in die Christkirche, knapp vor 20 Uhr. Dort waren unsere Plätze belegt und eine Dame mußte mehrmals aufgefordert werden.

Die mir vertraute Reformationssymphonie des lutheranisch getauften Felix Mendelssohn-Bartholdy wurde sehr zügig in den Tempi dirigiert, was der Lebendigkeit des Werkes gut tat. Es wirkte nicht verfremdet, sondern authentischer. Christopher Hogwood nutzte auch den Raum in der Dynamik aus. Leise Töne blieben piano, ein Fortissimo wirkte wie ein Fortissimo. Auch diese Bandbreite der Dynamik nutzte dem Werk. Die Modulation des Themas des ersten Satzes waren fein herausgearbeitet, der fast strenge barocke Charakter des ersten Satzes dieser romantischen Sinfonie wurde deutlich, das Orchester spielte sauber.

Die Missa Sacra Robert Schumanns war für mich Neuland. Wegen seiner räumlichen Nähe zu Brahms - Ich verachte Brahms! - war Schumann bisher für mich tabu. Das, was ich hörte, war aber nun gar kein Brahms, sondern ein Geistliches Werk, welches mir gefiel. Auch hier wurde die Dynamik voll ausgekostet und sauber musiziert. Nur einmal schien einem Streicher ein Malheur geschehen zu sein. Die Orgel klang sauber und niemals aufdringlich; unsauberen Klang hatte ich für Faurés Requiem monieren müssen. Schön war das Offertorium der von Orgel und Cello begleiteten Solistin. Die Leistungen des Chores, aber auch des Orchesters waren überragend.

Erfreulich war auch, daß die Zahl der Konzertbehuster nicht wahrnehmbar war. Haben diese lästigen Banausen Hausverbot? Auch “Fehler” beim Applaus blieben aus. Auch wenn ich mir weniger deutsche Verkrampftheit wünschte. Schließlich sind diese Regeln eine Unsitte des späten 19. Jahrhunderts. Musik ist schließlich keine lästige Pflichtübung, sondern ein Genuß. Und da sollen Emotionen auch ausbrechen dürfen. Lästige Pflichtübung schien der Konzertbesuch für einige Besucher in den ersten Reihen des Mittelschiffes zu sein. Dort wurde wild im Programmheft geblättert und auf die Uhr geblickt.

[SHMF 2010] K 9 “In elysischen Gefilden”: Ein Verriß

Wie jedes Jahr hatte ich mir Karten für alle Rendsburger Konzerte des Schleswig-Holstein-Musikfestivals bestellt, es werden auch immer mehr Freunde und Bekannte, die sich der Bestellung anschließen. Für das heutige Konzert hatte ich zwei Karten bestellt. Die Begleitung war leider kurzfristig abgesprungen, so daß ich mir ein - so wie ich das vor der MuK in Lübeck und auch andernorts gesehen hatte - einen Zettel aus und stellte mich vor die Christkirche. Die zweite Karte wurde ich zum Glück noch an eine junge Mutter los, die hoffentlich das Konzert noch genossen hat, das Konzert von Poulenc schien ihr nicht behagt zu haben. Nach der Pause scheint sie einen besseren Platz gefunden zu haben. Es gab nämlich viele Lücken.

Als Kulturfaschist hatte ich natürlich Halsbonbons aus Schweizer Produktion dabei, um sie Konzertbehustern an den Kopf zu werfen. Zu meiner positiven Überraschung sah ich in der Pause, daß eben diese Bonbons auch in Schüsseln zum Hineingreifen bereitstanden. Wollten andere Kulturfaschisten sich gut darauf einstellen, daß wie in den letzten Jahren viele Konzertbehuster und Falschapplaudierer mit finalen Rettungswürfen hingestreckt werden müßten?

Das erste Werk des Abends war Pulencs Konzert für Orgel, Streichorchester und Pauken. Es wurde sehr ordentlich musiziert; die Orgel klang gut. Es hat wohl die Orgel der Christkirche geklungen, denn der Organist kam zum Applaus aus jener Richtung.
Zum Glück kenne ich das Werk von CD, und Poulenc komponierte recht konservativ. Moderne Musik ist ansonsten bekanntlich nicht meine Welt. Ich empfinde dieses Konzert sogar als sehr schön.

Vor der Pause folgte noch Vivaldis Gloria D-Dur RV589. Das war für mich neue Musik; schließlich erarbeite ich mir das Barock erst seit ein paar Jahren. Die Chorleistung war überragend, ebenso musizierte das Orchester sehr ordentlich. Die Wahl der Tempi erschien mir schlüssig, ebenso der dynamische Umfang.

Der Höhepunkt des Abends sollte Faurés süßliches Requiem werden. Die Chorleistung war überragend. Auch das Orchester hielt seine gute Klasse. Der Solist zeigte, was er kann, die Solistin schwächelte nur beim gallikanischen Kirchenlatein. Leider wurde auf eine elektronische Orgel gewechselt, die meines Erachtens auch Mißtöne produzierte. Das Tempo war im Vergleich mit den Aufnahmen von Dutoit und Gardiner, der übrigens am 11. August in die Christkirche kommt, recht hoch, als wenn nach Ende des Konzertes ein Skatabend anstünde. In paradisum war kaum noch wiederzuerkennen. Das Orgelspiel war äußerst schnell und entstellte einen der schönsten Abschnitte sehr.

Definition des Terminus “Konzertbehuster”

Konzertbehuster sind lästige Störenfriede in Konzerten, meist weiblichen Geschlechts und höreren Alters. Konzertbehuster verweigern Halsbonbons und warten leise Passagen ab, um sich zu räuspern, zu keuchen oder lautstark zu husten. Findet ein Konzert in einer älteren Kirche statt, wählen Konzertbehuster Sitzplätze auf der Empore, um während des Konzertes durch Herumschreiten das alte Gebälk knarren zu lassen.

Ich fordere die Einrichtung einer Kulturgendarmerie, die sich auch um die Ruhigstellung von Konzertbehustern bemüht.

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